Alles, nur nicht weiß – Barack Obama

Diedrich Diederichsen, Kulturwissenschaftler und Professor an der Merz Akademie in Stuttgart, schreibt in der [url=http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2008/01/26/a0140]taz vom 26./27. Januar[/url] in einem Dossier über den Präsidentschaftskandidaten Barack Obama (Auszug):
[quote]Man scheint sich einig, dass der Mann nicht schwarz ist, jedenfalls nicht so schwarz, wie es Jesse Jackson war, als der immer mal wieder Präsident werden wollte. Obama hat nie besonders stark auf eine identitätspolitische Karte gesetzt. Er hat nicht, wie so viele schwarze Bürgermeister und Lokalpolitiker, die Ochsentour durch die einschlägigen afroamerikanischen Organisationen absolviert. Und Obama ist geradezu ausgedacht kosmopolitisch aufgewachsen: Hawaii, Indonesien, Kenia und Harvard werden eher mit seinem Namen verbunden als die Mopes und Hopper in den Ghettos von Baltimore, Maryland oder Saint Louis, Missouri.
Dennoch ist Obama aber auch ganz entschieden nicht weiß. Dieses Nicht-weiß-Sein ist, anders als sein Schwarz-Sein, nicht so ausgeblendet aus dem allgemeinen Bewußtsein. Es stellt nämlich durchaus einen starken Bruch in der amerikanischen Geschichte dar; nur auf eine andere Weise, als es eine positive Identifikation mit Afroamerika bedeutet hätte. Es ist eher eine Öffnung zu etwas Unbestimmtem denn eine Entscheidung für etwas Bestimmtes. (…)
Was sich aber auch geändert hat, ist das Image des Weiß-Seins, langsam auch in den USA. Weiß sein steht nicht mehr für die dominante Weltmacht, deren Herrschaft man böse und imperialistisch finden konnte, die aber als weiße Macht, als Schutzmacht der ersten Welt unangefochten war. Weiß ist auch nicht mehr die Farbe der globalen kulturellen Hegemonie. Weiß ist heute die Farbe der Peinlichkeit und des Trolleltums. Angefangen bei dem unumstritten schlechtesten Präsidenten aller Zeiten, der, typisch für viele Millionen weißer Trottel, sein Alkohol-Problem gegen ein Jesus-Problem eingetauscht hat, hört dieser Trend mit den verwahrlosten White-Trash-Pop-Stars und ihre Unappetitlichkeiten noch lange nicht auf. Weiß ist heute die Farbe des Trailer-Camps und der Unterschichtenkultur. Durch ihren Mann und dessen Britney-hafte Momente in der Vergangenheit ist sogar Hillary Clinton von diesem schlechten Image der Whiteness leicht beschädigt.
Auch hier sind nicht direkt die Afroamerikaner das Gegenmodell, sondern erneut eine eher an globalen Entwicklungen sich orientierende Rede von Würde und Respekt, die nicht immer ganz unreaktionär und untraditionalistisch klingt, aber meist vage bleibt. Ihre Reichweite umfasst den Reinheitsfanatismus des Islamisten ebenso wie eine Verachtung eines US-Trash übergewichtiger Hackfleischfresser von einem nichtwestlichen Hochkulturstolz aus. Obama, der schon mal afrikanische Musiker – nicht etwa Hiphop-Crews – bei seinen Veranstaltungen auftreten lässt, verbündet sich mit dieser hybriden, nichtweißen bürgerlichen Hochkultur, die längst jede subalterne Position hinter sich gelassen hat. Es ist die Kultur eher gebildeter, global mobiler Eliten aus Schwellenländern und afroasiatischer Diaspora – nicht die Multitude, nicht die andere Seite neoliberaler Verhältnisse, sondern deren emergente, nichtweiße Nutznießer.(…)[/quote]
Keine schlechten Gedanken.

You may also like...

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *