Edgar Morin über die Welt

[url=http://www.arte.tv/de/geschichte-gesellschaft/412894.html]Edgar Morin[/url], 86, französischer Philosoph und Soziologe, ist kürzlich wieder ins Gespräch gekommen, nachdem Sarkozy in seiner Neujahrsansprache den von ihm geprägten Begriff der “Zivilisationspolitik” aufgegriffen hat (in anderem Kontext). In der heutigen [url=http://www.taz.de/]taz[/url] wurde Morin interviewt:
[quote]Edgar Morin (CC-Attribution License)Die extrem positiven Entwicklungen in Bereichen wie der Wissenschaft, der Technik und der Demokratie haben zugleich negative Aspekte produziert, die immer schwerwiegender werden.
[i]”Können Sie konkrete Beispiele nennen?”[/i]
Der Individualismus. Er ist eigentlich ein sehr positives Phänomen. Weil er Autonomie und einen Sinn für die persönliche Verantwortung bringt. Zugleich hat er zum Verfall der früheren konkreten Solidaritäten beitragen: in der großen Familie und im Dorf. Das bringt Einsamkeit für die Mittellosen – und Egoismus für die anderen. Der Überfluss an materiellen Gütern bringt Befriedigung und materielles Wohlbefinden. Aber er geht einher mit psychologischem und moralischem Unwohlsein. Es gibt ein Unwohlsein in unserer Zivilisation. Die technisch-ökonomische Entwicklung hat den ökologischen Verfall provoziert, der vielfältige Verschmutzungen unserer Städte, Stress und psychosomatische Krankheiten auslöst. Das ökologische Problem ist eine direkte Konsequenz der Entwicklung unserer Zivilisation. (…) [Aber] Die Politiker starren alle wie hypnotisiert auf das Wachstum. Sie stecken in einer Falle. Sie wollen das große Problem der Arbeitslosigkeit durch Wachstum lösen und das Wachstum kommt nicht. Das Wachstum ist ein Mythos. (…) Die Menschen erleben auf private Art die Probleme, die eine soziale und politische Dimension haben. Sowie alle möglichen Vergiftungen durch Werbung, Konsum, Autos. Die Leute halten das Unwohlsein für ein privates Übel. Nehmen Psychopharmaka und Drogen. Und gehen zu Gurus und Psychoanalytikern. Tatsächlich ist es ein Problem, das von unserer urbanen Zivilisation kommt. Ein Leben mit der Stoppuhr, ein mechanisiertes Leben, ein hyperspezialisiertes Leben. Es geht darum, das Wohlsein zu suchen – eher, als die Akkumulation von materiellem Reichtum.[/quote]
Das vollständige Interview ist [url=http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/das-wachstum-ist-ein-mythos/?src=SE&cHash=f849ad97c7]online lesbar[/url].
Ich frage mich ja schon länger, wieso immer von einem “mageren Wirtschafts[i]wachstum[/i] von einigen Prozent” die Rede ist. Muss die Wirtschaft (in Deutschland) denn noch [i]wachsen[/i]? Reicht es denn nicht, sie zu halten, um unseren Wohlstand zu gewährleisten? Irgendwann ist ausgewachsen.