Projekte, Strukturen und Herzblutenergie

Auszüge aus dem Artikel [url=http://www.springerlink.com/content/ut6488123j028270/fulltext.pdf]Projekte, Strukturen und Herzblutenergie[/url] von Gunter Dueck, IBM Distinguished Engineer, aus der aktuellen “Informatik Spektrum” Dezember 2008:
[quote]Wer beginnt heute einfach mal so ein Projekt – aus unternehmerischer Lust? Das kann sich vielleicht ein mittelständischer Unternehmer leisten, der das Sagen hat und das eigene Geld gibt und dazu noch alles gut selbst überschauen kann. (…) Wer aber blickt bei großen Projekten noch durch? Etwas Neues muss überall genehmigt werden. Jeder sagt etwas dazu. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine große Idee und besitzen nicht zufällig die Firma oder die Unversität selbst. Sie können das Projekt nicht stemmen, Ihr Chef auch nicht, dessen Chef ebenfalls nicht. Keiner will eine neue Baustelle aufmachen.[/quote]


[quote](…) Weil das so ist, kommt es nie mehr zu Projekten, die jemand selbst will oder sich von Herzen wünscht. Projekte entstehen fast immer aus Schmerzen und Druck. Die heißen neudeutsch “pain points” oder “pressures”. Haben Sie Berater? Die sind ganz heiß auf Ihre Pain Points, sie suchen förmlich nach solchen in Ihnen. (…)
In welcher Lage wir deshalb auch immer sind – wir sind zu hektischer Aktivität verdammt. Wer nicht hyperaktiv ist, scheint faul zu sein. (…)
Unter Druck – so sagen fast alle Manager – arbeitet man besser und schneller. (…) Viele introvertierte Mathematiker und Informatiker laufen innerlich weg, wenn der Druck zu stark wird. Sie resignieren und scherzen zynisch über neue Projekte, wie es Chirurgen über Irreperables zu tun pflegen. (…) Der Körper geht vor allem nicht in Situationen hinein, wo er sich überfordert fühlt. Er weiß: Wir könnten einbrechen, uns blamieren, uns schämen müssen oder versagen! Dann macht der Körper planmäßig krank und müde. (…) Als Student hat mindestens die Hälfte von Ihnen so ein Aufschiebesyndrom gehabt, als Sie die erste Facharbeit in Englisch lesen oder die Diplomarbeit beginnen sollten. Der Körper will einfach nicht! (…) Je größer der Druck ist, je mehr das Projekt “gemusst” wird, desto mehr Beteiligte laufen mindestens innerlich weg oder tragen Bedenken herum.(…)
Der Vorschlagende kommt nun nicht daran vorbei, seine Vorschläge “zu konkretisieren”, damit bewiesen werden kann, dass es doch geht, obwohl alle wissen, dass es nicht geht. Er muss außerdem die ganze Welt befragen, ob es das schon gibt, was er möchte. Er muss beweisen, dass keiner vor ihm einen vernünftigen Gedanken in dieser Sache hatte, was übrigens fast nie so ist. (…)
Wo liegt die Wurzel der Misere? Es ist nicht genug Herzblut da. Der volle Wille fehlt, weil er sich in zu vielen Meetings zersplittert. Es fehlt an Wohlwollen für die, die Herzblut haben. (…)[/quote]