Buch: Das Gleichgewicht der Welt

Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt[quote][i]”Da bin ich mir nicht so sicher”, meinte Maneck. “Wäre es nicht besser, ehrlich zu reagieren, anstatt seine Gefühle zu verstecken? Vielleicht, wenn jeder im Land wütend oder verärgert wäre, könnte das die Dinge so verändern, daß die Politiker gezwungen wären, sich ordentlich zu benehmen.”
Die Augen des Mannes leuchteten auf, als sich die Gelegenheit zu einem Streitgespräch bot. “Theoretisch schon, da würde ich Ihnen zustimmen. Aber in der Praxis könnte es zu noch größeren Katastrophen führen. Versuchen Sie sich doch mal sechshundert Millionen wütender, heulender, schluchzender Menschen vorzustellen. Jeder im ganzen Land – einschließlich Flugzeugpiloten, Lokführer, Bus- und Straßenbahnfahrer, die alle die Beherrschung verlieren. Was für eine Katastrophe! Flugzeuge würden vom Himmel fallen, Züge würden entgleisen, Schiffe sinken, Busse und Lastwagen und Autos würden zusammenstoßen. Chaos. Vollständiges Chaos.”
Er hielt inne, um Maneck Gelegenheit zu geben, sich die Details der Anarchie, die er gerade entfesselt hatte, auszumalen. “Und bitte denken Sie auch daran: Wissenschaftler haben die Auswirkungen von Massenhysterie und Massensuizid auf die Umwelt noch nicht erforscht. Nicht in diesem subkontinentalen Maßstab. Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings um den halben Globus herum atmosphärische Störungen verursachen kann, wer weiß, was in unserem Fall passieren könnte? Stürme? Wirbelstürme? Flutwellen? Und die Landmasse, würde sie vor Empathie beben? Würden die Berge explodieren? Und die Flüsse, würden sie durch die Tränen aus zwölfhundert Millionen Augen ansteigen und über die Ufer treten?”
Er nahm einen weiteren Schluck aus der grünen Flasche. “Nein, das ist zu gefährlich. Lieber so weitermachen wie bisher.”[/i] (S. 331)[/quote]


[quote][i]”Aber die Zeitungen werden zensiert”, sagte Maneck.
“Na ja, na ja”, sagte Nusswan, bei dem endlich Ungeduld spürbar wurde. “Und was ist so schlimm daran? Das ist doch nur, weil die Regierung nicht will, daß irgend etwas veröffentlicht wird, das die Öffentlichkeit beunruhen könnte. Das ist eine vorübergehende Maßnahme – damit Lügen unterdrückt werden und die Menschen wieder Vertrauen fassen können. Solche Schritte sind nötig, um die demokratische Struktur zu erhalten. Man kann nicht sauber fegen, ohne den neuen Besen schmutzig zu machen.” (…) “Wichtig ist, daß man mal die konkreten Errungenschaften des Ausnahmezustandes würdigt. Bei der Eisenbahn herrscht wieder Pünktlichkeit. Und wie mein Direktorfreund gesagt hat, hat sich das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch verbessert. Jetzt kann er auf die Stelle die Polizei rufen, um die Unruhestifter von der Gewerkschaft aus dem Verkehr zu ziehen. Ein paar ordentliche Abreibungen auf dem Polizeirevier, und sie sind weich wie Butter. Mein Freund sagt, die Produktion hat sich ungeheuer verbessert. Und wer profitiert von alldem? Die Arbeiter. Die einfachen Leute. Sogar die Weltbank und der IWF begrüßen die Veränderungen. Jetzt bieten sie größere Kredite an.”[/i] (S. 530)[/quote]
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