Lesetipp: Tom Schimmeck, Am besten nichts Neues

Amazon-Link Tom Schimmeck: Am besten nichts NeuesWährend die [url=http://moblog.wiredwings.com/archives/20100322/Buch-Meinungsmache.html]Meinungsmache von Albrecht Müller[/url] mich noch ambivalent zurückgelassen hat, es ist einfach teilweise gar zu links und einseitig (Aussage eines mir bekannten Finanzmenschen zum Abschnitt der Rentenversichungspolemik: “Einige Aussagen stimmen aber die Mehrheit ist schlecht recherchiert und aus diesem Grund ist das Geschriebene weniger Wert als das Papier”), gehört Tom Schimmeck’s Werk über Medien, Politik und Meinungsmache eindeutig von jedem mündigen Bürger und in jeder Schulklasse gelesen. Tut mir leid, aber ist so. Es gibt einfach noch zu viele Leute die denken, Propaganda hätten wir zusammen mit dem Dritten Reich “überwunden”. Dabei ist es nur perfider geworden. Schon bezeichnend, dass nicht einmal Schimmeck und Albrecht Müller gerne das Wort in den Mund nehmen, sondern lieber von “Meinungsmache” sprechen.

  • [url=http://www.amazon.de/Am-besten-nichts-Neues-Meinungsmache/dp/3938060506/]Tom Schimmeck: Am besten nichts Neues: Medien, Macht und Meinungsmache[/url] – Westend Verlag, April 2010

Gibts dank mir auch in der SLUB, sobald ich mein Exemplar zurückgebracht hab. 😉
Wer erstmal nur hören will statt lesen: [url=http://www.wdr3.de/resonanzen/details/artikel/wdr-3-resonanzen-afcad7338e.html]WDR3 Resonanzen: Tom Schimmeck im Gespräch[/url], er spricht und betont aber sehr seltsam… lieber lesen.


Ich weiss gar nicht wo man da anfangen soll zu zu zitieren, ich hab mal relativ willkürlich was aus dem Kapitel über die Finanzierung rausgepickt:
[quote]Die alten Patriarchen dachten in Generationen. Der moderne Private-Equity-Manager fährt auf Sicht, plant für drei, maximal fünf Jahre. Von Anfang an hat er den ‘Exit’ vor Augen – den Moment, in dem sich das beste Geschäft machen lässt: Einen Börsendeal oder einen Weiterverkauf an neue Investoren. 2003 erwarb der US-Mogul Haim Saban die Sendergruppe ProSiebenSat1 (Sat.1, Pro Sieben, N24, 9Live, Kabel 1) aus der Konkursmasse des Kirch-Konzerns, lächelte väterlich und versprach, Deutsch zu lernen. Es war dann auch nur ein Deal. 2006 reichte er die Gruppe weiter an die Finanzinvestoren Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR) und Permira – zwei global agierende Heuschrecken. Saban machte Milliarden. Die neuen Eigner hatten bereits die Senderkette SBS im Portfolio. Die verkauften sie flugs ihrem neuen Schützling – zu einem stattlichen Preis. Seither ist die ProSiebenSat1 Group zwar der zweitgrößte TV-Konzern Europas, aber mit über drei Milliarden Euro Schulden belastet, Tendenz steigend. 2007 musste die AG 270 Millionen Euro Dividende ausschütten – gut das Dreifache ihres Jahresgewinns. (…)
Ende 2008 erfuhren die Berliner Mitarbeiter von Sat.1, dass sie ihre schönen Büros in der Berliner Innenstadt verlassen und in die Konzernzentrale nach München-Unterföhring umziehen müssen; und dass einige Hundert von ihnen bei der Gelegenheit ihren Arbeitsplatz verlieren werden. (…)
Auch beim hauseigenen Nachrichtensender folgt man dem Trend zur Churnalism. “Ein Redakteur bei N24 muss allein recherchieren, allein schneiden, allein vertonen”, sagt (der Betriebsratsvorsitzende) Podkalicki. “Das bedeutet natürlich, dass er immer weniger Zeit für journalistische Arbeit hat. Und das sieht man auch. Die meisten Kollegen sitzen an ihren Arbeitstischen und verarbeiten, was reinkommt, möglichst schnell, möglichst viel, möglichst oft.”[/quote]
“Ich lernte dabei schon frühzeitig verstehen, daß die richtige Verwendung der Propaganda eine wirkliche Kunst darstellt, die den bürgerlichen Parteien fast so gut wie unbekannt war und blieb. Nur die christlich-soziale Bewegung, besonders zu Luegers Zeit, brachte es auch auf diesem Instrument zu einer gewissen Virtuosität und verdankte dem auch sehr viele ihrer Erfolge.”
“Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.”
“Aber alle Genialität der Aufmachung der Propaganda wird zu keinem Erfolg führen, wenn nicht ein fundamentaler Grundsatz immer gleich scharf berücksichtigt wird. Sie hat sich auf wenig zu beschränken und dieses ewig zu wiederholen. Die Beharrlichkeit ist hier wie bei so vielem auf der Welt die erste und wichtigste Voraussetzung zum Erfolg.”

(alle drei Zitate aus Adolf Hitler, Mein Kampf)
Ach, noch ein Ausschnitt kann nicht schaden:
[quote]Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian, berichtete im Januar 2009 in der New York Review von einer endlosen Prozessschlacht seines Blattes mit Tesco, der viertgröten Ladenkette der Welt. [43] Die hatte ihn und den Guardian im April 2008 wegen Beleidigung und “böswilliger Verleumdung” verklagt – nachdem zwei ausgewiesene Experten der Tageszeitung zuvor einen Artikel über globale Steuerspartricks mit Offshore-Deals der Firma veröffentlicht hatten. “Diese Art von Finanzjournalismus ist notorisch schwierig, teuer und zeitaufwändig”, warnt Runsbridger. Sie sei auch gefährlich: weil an solchen globalen Konstruktionen zur Steuervermeidung Dutzende Experten basteln und es um Milliardensummen geht. Das Extraproblem im Fall Guardian-Tesco: Bei der Recherche war etwas schiefgelaufen. Die Journalisten hatten Details des hochkomplizierten Modells falsch interpretiert. Der Guardian druckte zwei Korrekturen und eine Entschuldigung. Tesco war dies nicht genug.
Solch ein Rechtsstreit ist der Alptraum jedes Chefredakteurs. Täglich prasseln Briefe auf ihn ein – von Anwälten aufgesetzt, die selten weniger als 500 Dollar pro Stunde kassieren. Binnen sieben Wochen türmten sich beim Guardian allein für die Beantwortung der Post der Tesco-Anwälte Kosten von über 500.000 Dollar. Nach neun Wochen teilte die Kanzlei der Gegenseite mit, sie taxiere ihre bislang aufgelaufenen Gebühren auf 808.607 Dollar. Die Buchhalter von Ernst & Young forderten 173.000 Dollar – für, schnaubt Rusbridger fassungslos, “die Beratung von Tescos Anwälten über Tescos eigene Konten”. Steueranwälte, die das Offshore-Konstrukt entworfen hatten, machten weitere 361.000 Dollar geltend. Hinzu kamen Spezialanwälte für Beleidigungsverfahren, die 155.125 Dollar verlangten. Am Ende drohten dem Guardian Belastungen von bis zu 7,6 Millionen. Das war nicht durchzuziehen.
(…)
Auch in Deutschland kommt es häufiger zu Prozessen über Wirtschaftsberichte. “Man braucht mittlerweile für fast jede kritische Aussage eine eidesstattliche Erklärung”, berichtet Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, und müsse “für Behauptungen einen Wahrheitsbeweis führen, der mit journalistischen Methoden gar nicht leistbar ist”. [44][/quote]
Einer geht noch.
[quote]Béla Nikolai Anda scheint bester Laune. Braungebrannt und proper wie stets steht er da oben auf der Bühne, spricht vom Wetter und vom Krieg, wirft dazu starke Fotos an die Wand: schmelzende Eisberge, Richard Nixon, Flugzeugträger und Flutkatastrophen. Anda hält einen kleinen Talk über Metathemen und Kampagnen, Agenda-Setting und Agenda-Surfing. Er erklärt, wie man Meinung und Stimmung macht. Er versteht einiges davon. Er war Politreporter bei Bild, Regierungssprecher bei Gerhard Schröder. Nun ist er CCO – Chief Communication Officer – beim “Finanzdienstleister” AWD. Das “Metathema” seiner Firma, sagt er, sei: “mehr netto”.
“Kampagnenfähig” ist sein Lieblingsbegriff. Kampagnenfähig ist, wer Meinungsmacht hat, wer anderen einflüstern kann, was sie denken, was sie fühlen, sagen und wollen sollen. Wer die “Agenda” bestimmt. “Starke Medien” seien Agenda-Setter, sagt Anda, moderne Massenmedien wie Spiegel Online oder Youtube. Er führt ein kurzes Video vor, das den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Edwards beim Zurechtmachen für einen Auftritt zeigt, endlos die Haare kämmend, dabei immer wieder eitel in den Schminkspiegel plinkernd, unterlegt mit “I feel pretty”, einem Song aus der Westside Story. Die kleine, gemeine Sequenz verbreitete sich massenhaft via Youtube, höchst unerfreulich für den Kandidaten Edwards. “Tabubrecher”, ein Kanal, durch den Stoffe, die man offiziell nicht anfassen dürfe, in die Öffentlichkeit gebracht würden. Wobei Bild, seine Ex-Firma, schon noch “kampagnenfähig” sei, findet Anda, unbedingt. Zu seiner Zeit allerdings, erzählt der Ex-Journalist, ein Quäntchen Wehmut im Blick, hätten Bild-Redakteure, die ein Thema lancieren wollten, noch einfach “Abgeordnete der dritten Kategorie” angerufen und ihnen eröffnet: “Wir haben für Sie heute folgendes Zitat vorgesehen.”[/quote]

  • [url=http://www.amazon.de/Am-besten-nichts-Neues-Meinungsmache/dp/3938060506/]Tom Schimmeck: Am besten nichts Neues: Medien, Macht und Meinungsmache[/url] – Westend Verlag, April 2010

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