Die Jahre der Kommune 1

[quote]Dazu erklärten die Beschuldigten der Gruppe “Spur” im April 1962: “Die merkwürdige Übereinstimmung von Ost und West in den subtilen Mitteln der Unterdrückung nicht-umfaßbarer Elemente wird immer offensichtlicher, womit unsere Überzeugung bestätigt wird, daß der Eiserne Vorhang doch vor allem dazu benutzt wird, verlogene Alternativen zu stellen, damit die Grundproblematiken nicht diskutiert werden müssen. Die heutige Jugend durchschaut instinktiv banale Projektionen und Scheinalternativen.” (S.17)[/quote]


[quote]Am 8. Mai 1964, am Jahrestag der Kapitulation des Deutschen Reiches, fand in der Stuttgarter Liederhalle eine “Tagung des Bundes deutscher Werbeleiter und Werbeberater” statt. Bei der Begrüßung durch den Oberbürgermeister erklangen plötzlich von der Empore der Schlußchor der Matthäuspassion und der Rülpsschlager “Surfing Bird”. Flugblätter regneten auf die Reklamefachleute ab:

AUFRUF AN DIE SEELENMASSEURE
IHR suggeriert den Leuten die Bedürfnisse ein, die sie nicht haben! IHR stopft sie voll mit Produkten, damit sie sich ihrer wahren Bedürfnisse nicht mehr bewußt werden! IHR sorgt dafür, daß die Menschen nur noch arbeiten müssen, um konsumieren zu können und damit Konsum mit Arbeit identisch wurde! IHR habt erreicht, daß der subtile Zwangskonsum die Möglichkeit einer Welt ohne Arbeit verschleiert! IHR habt die Lüge / consumo, ergo sum / zur Wahrheit inthronisiert! Deshalb seid IHR DIE PREDIGER DER UNTERDRÜCKUNG.

Die Akteure wurden in eine anonyme Villa gebracht und vom Verfassungsschutz verhört. Der Richter aber sprach sie frei: Werbeleute würden bekanntlich “die Opfer ihrer Werbung nicht mit Samthandschuhen anfassen”, also dürften auch sie “ruhig etwas härter angefaßt werden”. (S.22)[/quote]
[quote]Am Ende [der Diskussion im Arbeitskreis des SDS] stand bemerkensweterweise die These, daß die BRD nicht am Ende war. Mit staatlichen Maßnahmen war die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Die Arbeiterklasse konnte durch Parteien, Verbände, Gewerkschaften in den neuen Staat eingebunden werden. Es stand auch kein neuer Faschismus bevor. Was zu befürchten war – zu diesem Schluß kam am Ende Dutschke, der Fleißigste von allen -, war ein autoritärer Staat, der durch Intervention wirtschaftliche Krisen bewältigte und verdächtig der DDR ähnelte; ein autoritärer Staat, der aber nur im Not- oder Ausnahmefall zur Gewalt greifen würde und sich in der Hauptsache auf verblödende Massenmedien und psychologische Gleichschaltung stützte, auf das Fehlen einer Alternative. Es war sinnlos, auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems zu warten, es würde endlos weiterblühen. (S. 66)[/quote]
Alle Zitate aus: [url=http://www.amazon.de/Die-Jahre-Kommune-Berlin-1967-1969/dp/3442153611/]Ulrich Enzensberger. Die Jahre der Kommune 1.[/url] Taschenbuchausgabe April 2006 (1. Auflage), Random House