Vergütungsmodelle für Medieninhalte

Fassung vom 30.04.2010 [url=http://www.headstrong.de/documents/verguetungsmodelle.pdf]PDF[/url] [url=http://www.headstrong.de/documents/verguetungsmodelle.odt]ODT[/url]

Motivation

Internet – Fluch oder Segen für die Medienindustrie?
Die Diskussion um die Vergütung von Medieninhalten im Internet ist geprägt durch eine starke Polarisierung. Die Industrie fordert strengere Gesetze, Leistungsschutzrechte für Presseverleger, eine Verlängerung des Urheberrechts, und droht damit, ihre Inhalte in Zukunft auch online nur noch gegen Entgelt zu veröffentlichen. Die Forderungen der Netzaktivisten hingegen stehen dem diametral entgegen. Die Verschärfung von Gesetzen führte in mehreren Ländern Europas zur Gründung von „Piratenparteien“, deren Forderungen das genaue Gegenteil darstellen: eine weniger starke Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, ein Verbot von Kopierschutzmaßnahmen, kürzere Laufzeiten des Urheberrechts bis hin zur vollständigen Beschränkung auf kommerzielle Zwecke – und somit die Freigabe aller bislang geschützten Inhalte für private Zwecke. [1]
Um die Entwicklung der Netzkultur und die damit verbundene Wandlung des Verständnisses von Massenmedien, Medienproduktion und Finanzierung von Inhalten zu verstehen, muss man zunächst die Entstehungsgeschichte des Internets und die technischen Grundlagen betrachten.


Aus dem Ende der 50er Jahre formulierten Ziel des Militärs, an den Universitäten ein dezentrales und angriffssicheres Netz entwickeln zu lassen, wurde durch die daran Beteiligten bald eine Forschungsplattform, deren treibende Kraft der freie Informationsaustausch darstellte. Kommerzielle Nutzung war untersagt, an den Anschluss privater Haushalte hat bis zur – ähnlich universitäts- und hobbygetriebenen – Entwicklung des Heimcomputers in den 80er Jahren niemand gedacht. Der militärische Teil des Netzes wurde 1983 vom universitären Netz entkoppelt und innerhalb des Militärs getrennt weiterentwickelt. Tim Berners Lee vom CERN-Institut führte die Ideen freien Wissensaustausches im Jahr 1990 in Form des World Wide Web fort, als ein „pool of human knowledge“, eine Plattform deren Ziel das Teilen und Verknüpfen von Inhalten und das kollaborative Arbeiten an gemeinsamen Projekten darstellte. [2] Eine Urheberrechtsproblematik wurde dabei zwar vorhergesehen, aber in der Konzeption bewusst nicht berücksichtigt („Non requirement“), da sie für die Verwendung innerhalb des Instituts sekundär waren – nicht überraschend, waren kommerzielle Anbieter erst zwei Jahre zuvor zugelassen worden und so gut wie ohne Relevanz. [3]
Die Kernidee der Kollaboration und des freien Austauschs führte zum Erstarken von Konzepten des Gemeingutes, zuerst in Form von „Open Source“ in Bezug auf Programmcode (GPL 1989, Linuxboom), später in Form von Creative Commons für beliebige Formen von Inhalten (2001).
Kommerzielle Ziele lassen sich mit der freien Informationskultur des Internets sich unproblematisch vereinbaren, solange die Information selbst nicht die Einnahmequelle des Unternehmens darstellt. Auf der anderen Seite hat die wachsende Popularität dazu geführt, dass fast alle Medienunternehmen inzwischen mit ihren Inhalten ganz oder teilweise im Internet vertreten sind. Momentan stützt sich die Branche dabei auf Werbefinanzierung und bezahlte Zusatzdienste. Spiegel Online spricht gar von einem „16 Jahre alte[n] Deal zwischen Online-Medien und Mediennutzern“, laut dem Inhalte zwar kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, der Nutzer dann aber die Verpflichtung hat, Werbung zu betrachten. [4]
Neben diesen beiden Kulturen existiert eine Mischform, deren technische und soziale Aspekte im Jahr 2004 durch Tim O’Reilly einen eigenen Namen bekamen: Das „Web 2.0“ als Werkzeug, nutzergenerierte Inhalte kommerziell zu verwerten. [5]
Grundsätzlich gilt: Alle digitalen Inhalte lassen sich – verlustfrei – kopieren. Das am Fraunhofer Institut für integrierte Schaltkreise entwickelte und 1991 als ISO-Standard verabschiedete MP3-Format führte spätestens 1999 mit „Napster“ und der immer größeren Popularität des Internets zu einer öffentlichen Debatte über Urheberrecht und illegale Kopien. Jeder Verschärfung von Gesetzen stärkt dabei den Trend zu dezentralen, anonymen Systemen [6], in denen eine Verfolgung und ein Verbot technisch erschwert und praktisch unmöglich gemacht wird. Der Zeitpunkt ist absehbar, an dem die steigende Popularität anonymer Systeme dazu führen wird, dass nur noch vollständige inhaltliche Filterung und ein Verbot von Verschlüsselung die ungehinderte Verbreitung digitaler Inhalte aufhalten kann.1 Die Filesharing-Szene spricht inzwischen von einer Unwirksamkeit von Gesetzen (“no matter what legislation governments introduce, it is doubtful that it will have an effect on heavy file-sharers or those that can be bothered to spend 30 minutes using Google“ [7]).
„User-generated content“ in Foren, Blogs und sozialen Netzen einerseits und die Kopierbarkeit anderseits erhöhen den Druck auf die Medienindustrie. Das hat zu einer Diskussion über „Qualitätsjournalismus“ geführt, viele Branchenvertreter sprechen von einer „Medienkrise“, deren Gründe heiß diskutiert werden. [8,9] Was die Musikbranche als erstes zu spüren bekam, wird spätestens mit der breiten Einführung von eBook-Readern und der steigenden Zahl mobiler Endgeräte für die Verlagsbranche relevant, und mit der – unter anderem von Rupert Murdoch – geplanten Umstellung auf Bezahlinhalte [10] erst recht für Nachrichteninhalte. Die Einführung des iPads im April 2010– von Apple als „eBook-Killer“ beworben und mit einer elektronischen Bibliothek ausgestattet – führte innerhalb der ersten Verkaufswoche zu einem signifikanten Anstieg des illegalen eBook-Tauschhandels. [11]

Aufgabenstellung

In dieser Arbeit werden auf Basis dieser heterogenen Netzkultur existierende Vergütungsmodelle verglichen. In Rahmen einer Studie soll anschließend ermittelt werden, inwiefern ein nachträgliches Vergüten von Inhalten die bestehenden Systeme ergänzen kann. Auf der einen Seite soll dabei untersucht werden, ob und wie die bereits genannten Inhalteproduzenten – Privatpersonen und Unternehmen – solche Zuschüsse entgegen nehmen würden, auf der anderen Seite inwiefern Nutzer zu einer solchen Bezahlung bereit wären.
Ausgehend von einer Analyse der Netzkultur werden Kriterien für ein solches System entwickelt, das auf beide Kulturwelten angewendet werden kann. Anschließend werden insbesondere aktuelle Entwicklungen im Spendenbereich, wie Flattr, Kachingle, PayMeCredit und TipitTo [12], anhand der aufgestellten Kriterien evaluiert.
Kriterien eines solchen Bezahlsystems können unter anderem lauten:
– Traditionelle (physikalische) Medien und digitale Medien werden gleichermaßen abgedeckt
– Beträge werden an eine Referenz auf Inhalte gebunden: beispielsweise eine URL, eine E-Mail-Adresse, eine ISBN, eine ISSN, etc.
– Der Empfänger des Betrags muss nicht bei der Plattform angemeldet sein, um Spenden erhalten zu können; erst bei der Auszahlung muss er Eigentumsrechte am Inhalt/die Schaffung des Inhalts nachweisen
– auch der Inhalt selbst muss auch noch nicht existieren (Aussetzen von „Prämien“ für zu schaffende Inhalte)
– Beträge innerhalb des Systems müssen ohne Gebühren transferiert werden können; Kosten entstehen nur beim Ein- und/oder Auszahlen
– Anknüpfung an möglichst viele bestehende Zahlungssysteme zum „Aufladen“ und Auszahlen
– Der Empfänger von Spenden muss den Sender nicht kennen -> pseudonyme und (aus Sicht des Empfängers) anonyme Zahlungen ermöglichen?

Gliederung

  • Geschichte der Massenmedien, Internet
    • Wandel nichtkommerziell -> kommerziell
    • Vergleich kommerzieller Medien <-> private (Blogs, Foren, …), Nutzer als Inhaltelieferant („Web 2.0“)
    • Adressierung von Medieninhalten im Internet, Zuordnung zu Autor/Produzent, Verlinkung als Basiskonzept des WWW
  • Problem digitaler Inhalte
    • Bezahlinhalte allgemein, Auswirkung auf Linkkonzept
    • „Tauschbörsen“: Musik; im Kommen: eBooks, Magazine, Artikel, …
      • Geschichte, Entwicklung, Trends
    • Werbeblocker
  • Finanzierung von Medieninhalten
    • durch Dritte (Anzeigenfinanzierung)
      • Messung von Akzeptanz/Auswirkungen auf Verkauf
      • in traditionellen Medien im Internet
    • Traditionelle Medien
      • Einzelvergütung, Abo, Genossenschaften/Vereine
      • Bezahlwege: Lastschrift, Bargeld, Kreditkarte
    • neue Medien
      • Einzelvergütung, Abo
      • Bezahlwege: Lastschrift, Kreditkarte, elektronische Zahlungsmittel
        • Paypal, Moneybookers, Liberty Reserve etc.
        • Prepaid-Codes: Ukash, PaySafeCard
      • “Spenden”: Facebook Like-Button, Flattr, Kachingle, PayMeCredit etc.
      • Prämienjournalismus: spot.us
  • Bezahlung nach Konsum = Spende? Studie zu Akzeptanz
    • Umfrage Nutzer und Inhalteproduzenten privat/gewerblich Konzeption einer Spendenplattform, Kriterien
    • Evaluation bestehender Spendenplattformen anhand dieser Kriterien

Weiterführende Artikel

29.04.2010: http://www.heise.de/newsticker/meldung/EuroDIG-Teilnehmer-warnen-vor-Ueberregulierung-im-Internet-990118.html
“Wir müssen Menschenrechte, etwa die Würde besonders verletzlicher Gruppen, im Internet schützen. Aber wir müssen auch Überregulierung vermeiden. Nationale Gesetze dürfen nicht so weit gehen, dass sie missbräuchlich und unverhältnismäßig werden.”
29.04.2010: http://www.heise.de/newsticker/meldung/US-Studie-Wirtschaftliche-Bedeutung-der-Schranken-fuers-Copyright-nimmt-zu-990014.html
US-Studie: Wirtschaftliche Bedeutung der Schranken fürs Copyright nimmt zu
28.04.2010: http://www.heise.de/newsticker/meldung/PHP-Erfinder-heuert-bei-Payment-Service-WePay-an-988579.html
WePay: Finanztransaktionen für Vereine, Organisationen und andere Gruppierungen
27.04.2010: http://www.bildblog.de/18301/danke-fuer-die-unterstuetzung/
Bildblog-Leser spenden über 17000 Euro bei einmaliger Aktion
26.04.2010: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Kreativwirtschaft-fordert-besseren-Urheberrechtsschutz-im-Internet-986659.html
Kreativwirtschaft fordert besseren Urheberrechtsschutz im Internet
26.04.2010: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,690127,00.html
Spiegel-Reihe Geschäftsmodelle des Journalismus: Spende
01.04.2010: http://blog.hasslberger.com/2010/04/the_future_of_money.html
The Future of Money
Innovationswerkstatt „Kreativität und Urheberrecht in der Netzökonomie“
http://innovationswerkstatt.hans-bredow-institut.de/

Quellen

[1] “Piratenpartei will Copyright beschränken”, netzeitung, April 2006, http://www.netzeitung.de/internet/390307.html
[2] Wardrip-Fruin, Noah and Nick Montfort, The New Media Reader, Section 54, MIT Press, März 2003, ISBN 0-262-23227-8.
[3] „Information Management, A Proposal“, Tim Berners Lee, CERN, März 1989, http://www.w3.org/History/1989/proposal.html
[4] „Medienkrise: Warum Online-Werbung wichtig fürs Web ist“, Spiegel Online, 22.3.2010, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,683579,00.html
[5] “Opening Welcome: State of the Internet Industry “, Tim O’Reilly and John Battelle, O’Reilly Conference in San Francisco, CA, 5.11.2004
[6] Tor, I2P, WASTE, GNUnet; VPN-/Proxy-Dienste; „Seedboxing“
[7] „How File-Sharers Will Bypass UK’s Anti-Piracy Act“, Ernesto, TorrentFreak, 12.4.2010, http://torrentfreak.com/how-file-sharers-will-bypass-uks-anti-piracy-act-100412/
[8] „Medienkonjunktur oder Medienkrise? It’s the Nutzerbindung, stupid!“, Jan Krone, Carta, 26.5.2009, http://carta.info/9636/medienkonjunktur-oder-medienkrise-its-the-nutzerbindung-stupid/
[9] “Am besten nichts neues: Medien, Macht und Meinungsmache”, Tom Schimmeck, Westend Verlag, April 2010
[10] “Rupert Murdoch plans charge for all new websites by next summer”, Andrew Clark, Guardian, 6.8.2009, http://www.guardian.co.uk/media/2009/aug/06/rupert-murdoch-website-charges
[11] “eBook Piracy ‘Surges’ After iPad Launch”, Ernesto, TorrentFreak, 9.4.2010, http://torrentfreak.com/ebook-piracy-surges-after-ipad-launch-100409/
[12] flattr.com , kachingle.com , paymecredit.com , tipit.to , speziell im journalistischen Bereich: spot.us

1 Response

  1. Profpatsch says:

    Ist das schon ein vollständiges Paper oder nur ein vorläufiger Mockup?
    Wäre interessant, eine funktionierende Systemidee zu haben.