Und, wie schön dann in den Chronicles zu lesen, …

Und, wie schön dann in den Chronicles zu lesen, daß Bob Dylan für Columbia Records “entdeckt” wurde von eben jenem Mann, dem wir die schönsten Aufnahmen von Billie Holliday aus ihrer mittleren Periode verdanken, I Cover The Waterfront, Gloomy Sunday, God Bless The Child, Love Me Or Leave Me und die vielen anderen auf den drei großen Columbia LP’s, alle produziert von John Hammond, der Bob Dylan bei Columbia unter Vertrag bringt drei Jahre nach Billie Holidays Tod. Hammond hatte das Ohr für beide, eine amerikanische Spannweite – von der ich immer dachte und denke, es sei eine Art Pflicht der (klassisch) zurückgebliebenen Europäer, sie anzunehmen und sich dankbar anzueignen. Dies Geschenk. Und zwar die ganze Palette. Wer Sun Ra nicht hören kann, hat auch Elvis nicht richtig aufgenommen. Diese europäische Mäkelei, dieser Spartenluxus: ick hör nur Hip Hop, der Rest ist Scheiße; oder dasselbe mit Techno, Metal oder mit Johnny Cash oder Charlie Parker. Nein, das alles gehört in einen Topf, der ein Ozean ist, eine Wüste, ein Gebirge, ein rieselnder Bach (aus dem Radio). Alles gehört in den Trichter, der ins eigene Ohr führt, Hank Williams, Django Reinhardt, Albert Ayler, Peggy Lee, The Last Poets, Jerry Lee Lewis, Eminem und auch Sheryl Crow, all die alten Bluesfritzen, nicht bloß Robert Mode-Johnson, dazu die Südamerikas, Bossa, Samba, Kuba, sowieso. Und Andrew Silvas gestrichener Free Jazz Bass mit wildem Mapuche-Geschrei aus zahnlosem Mund, kein Geld für Zahndoktoren, darüber. Der musikalische Schamanismus des Art Ensemble of Chicago… Music is the healing force… Nein, percussion! Zum Spezialisten einer “Richtung” kann man sich immer noch ausbilden, das geschieht von ganz alleine, in Ausbildung der Spur, in der der eigene Körper am liebsten pulst und pocht. Oder auch der Spuren, den es können viele sein, die Tracks zu vielen Lagerfeuern, die Friendly Fire eingeschlossen, denn selbstverständlich fühlt man sich erschossen von manchen Musiken, denen man sich selber ausgesetzt hat, von seinen Lieblingsstücken sogar, wenn sie einen verschlingen wollen oder einem brüst den Rücken kehren auf der Suche nach einem anderen Wirt.

Klaus Theweleit: Bob Dylan zum 60sten und zu Chronicles, Vol. 1: A Roadmap For The Soul (aus: deadline-Texte)

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