Demokratische Gesellschaften, die Folterungen wie die von Abu Ghraib verhindern wollten, würden dafür Sorge tragen, dass an jeder Verhörsituation in besetzten Ländern Beobachtungspersonen von Gruppen wie amnesty international oder Human Rights Watch beteiligt wären. Diese müssten nicht mithören, was dort verhandelt wird. Der Blick durch eine Einwegglasscheibe in den Verhörraum würde genügen. Sofortige Meldung an UN-Behörden mit Strafkompetenz bei Übergriffen. Damit hätte man die Folter, soweit sie im Namen von Staaten und Regierungen ausgeübt wird, unter Kontrolle. Warum geschieht das nicht?

Voraussetzung wäre eine wache Bevölkerung. Eine Bevölkerung, die präventiv Überwachung fordert, weil sie weiß, dass Soldaten in jeder Besatzungssituation leicht in die Versuchung, zu foltern, geraten; seien es schwedische Blauhelmsoldaten 1995 in Bosnien oder jetzige Bundeswehrtruppen im Kosovo. Zu erzeugen wäre eine Bevölkerung, die so etwas alltäglich wüsste.

(…)

Ich glaube nicht mehr, dass es eine nennenswerte Anzahl von Leuten gibt, die an so genannter Aufklärung über Folterhintergründe interessiert sind. Alle Sorten vernünftiger und nachvollziehbarer Gründe, die man wissenschaftlich zur Folterpraxis in der Welt vorbringen kann, seien sie psychologischer, politischer, militärtaktischer, geheimdienstlicher, pornografiekundiger oder sonst welcher Art, werden von den Fragestellern zwar begierig angehört, angemessen angezweifelt und dann in irgendwelchen Kämmerchen der Person sorgfältig weggesperrt; “verdrängt” sagte Freud mal dazu; inzwischen wurde der Sinn dieses Wortes selber verdrängt.

Leute (und zwar ganz gleich welcher Herkunft, Klasse, Schicht oder welchen Bildungsgrads) sind absolut zufrieden damit, in regelmäßigen Abständen von der Existenz so genannter sadistischer Schweine, perverser Folterknechte oder einfach menschlichen Abschaums unterrichtet zu werden, die Bilder “entsetzt” aufzusaugen, um dann ebenso regelmäßig festzustellen, wie unbegreiflich das alles sei. Um ausrufen zu können: “Wie können zivilisierte Menschen so etwas tun!” Das ist wohl der Sinn der ritualisierten Veranstaltung. Und: “Wenn das nicht bald aufhört, schmeckt mir das Frühstücksbrötchen nicht mehr.”

Es hört dann auch bald auf (in der Zeitung zu stehen), und das Frühstücksbrötchen schmeckt wieder. Oder es schmeckt auch nicht, wegen des Benzinpreises, der Steuer oder einer anderen Regierungstortur. Langsam neige ich zur Ansicht, dass das Weltengebräu an monströser Gräuelscheiße entscheidend mit dazugehört, dass das Geschäft mit den Frühstücksbrötchen weiterläuft.

Die Menschen hier sind Weißmehlkannibalen, sie wollen nicht aufgeklärt sein, sie wollen ein Blatt zwischen sich und der Welt, das sicherstellt, dass die in einem Bagdader oder texanischen oder argentinischen, chilenischen, kambodschanischen, chinesischen oder iranischen Knast abgehauenen Körperteile oder die entblößten Körperhaufen fremdländischer Nacktmenschen in irgendeiner Weise gerade auf ihrem Teller landen. Dafür haben wir schließlich einen Staat, dafür zahlen wir Steuern, dafür füttern wir eine Polizei durch.

Dafür finanzieren wir unsere Lieblingsjournalisten, dass sie uns nur alle fünf Jahre mit den Folterdetails vor die Augen kommen. Christina von Braun fühlte sich in einer Radiodiskussion über Abu Ghraib an archaische Opferrituale erinnert. Mit dem überraschten Aufschrei über die Gequälten reinigt man alle fünf Jahre seine gepeinigte Seele und trägt, anstelle der Beute und der Teilnahme am Opfermahl, die Fotosouvenirs davon.

Klaus Theweleit: Abu Ghraib. Sexualisierte Folter und Frühstücksbrötchen. Gekürzte Fassung erschienen in der taz vom 8.6.2004.

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